Führungsverhalten ist – wie jedes andere menschliche Verhalten – bewusste und unbewusste Aktivität. Erzeugt und gesteuert wird Verhalten im menschlichen Gehirn.

 

Das Gehirn
Der Mythos, dass sich die Gehirne von Frauen und Männern stark unterscheiden, hält sich hartnäckig. Dies ist erstaunlich, weil die Forschung zwischen den Gehirnen beider Geschlechter fast nur minimale Abweichungen finden konnte. Zum Beispiel sollen die Hirnhälften von Frauen in weiten Teilen besonders viele Kontakte aufweisen, während Männer mehr Verknüpfungen innerhalb der jeweiligen Hirnhälften haben. Diese Unterschiede zeigten sich jedoch nur aufgrund eines methodischen Fehlers und sind auf die unterschiedliche Größe von männlichen und weiblichen Gehirnen zurückzuführen. Männer haben nämlich mehr Hirnmasse. Da Hirnmasse und Intelligenz zumindest schwach korrelieren, könnten dies Hinweise auf ein klügeres Geschlecht – das männliche – sein. Intelligenz und Führungskompetenz weisen ebenfalls Zusammenhänge auf. Nach alldem müssten männliche Führungskräfte doch auch höheres Führungskönnen zeigen.

Nun: Männer haben jedoch nicht nur mehr Hirnmasse, sondern auch ein höheres Körpergewicht. Frauen dagegen beschäftigen sogar mehr Hirnmasse pro kg ihres Körpergewichts: Die Hirn-Körpermasse-Relation beträgt bei Frauen 1:46 (22g Hirnmasse pro kg Körpermasse) und bei Männern 1:50 (20g Hirnmasse pro kg Körpermasse). Solche Studien sind für die nächste Partydiskussion vielleicht ganz unterhaltsam, helfen uns beim Thema Führung jedoch nicht weiter. Hier ist mehr gefragt. Denn die Ausreifung kognitiver Leistungen und sozialer sowie personenspezifischer Kompetenzen ist auch von der Interaktion mit der Umwelt und daraus resultierenden Lernprozessen abhängig.
 

Intergeschlechtliche Unterschiede
Ein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen ist jedoch auffallend. Männern besitzen in ihrem Zwischenhirn einen Nucleus präopticus medialis, der doppelt so groß ist wie der von Frauen. Dieser Nervenzellkern steuert im männlichen Gehirn Dominanz, Aggression und Sexualtrieb. Setzt man weiblichen Ratten den Nucleus präopticus medialis eines männlichen Artgenossen ein, wird sie aggressiver als zuvor und beteiligt sich im Gegensatz zu den übrigen weiblichen Tieren an Revierkämpfen. Aber sind Männer auch aggressiver agierende Führungspersonen? Dafür könnte die evolutionspsychologische Male Warrior Hypothese sprechen, nach der Männer im Kampf um Status, Territorien und Nahrung mittels aggressiver Verhaltensweisen Konflikte zwischen Gruppen initiierten. Frauen hingegen mieden ein solches Verhalten eher und suchten aus Gründen des Überlebens eher den sicheren Verbleib in der eigenen Gruppe. Sind Frauen damit die zurückhalteneren, harmoniesuchenden Führungspersonen? Nein, denn die Forschung zeigt auch, dass Männer nicht unbedingt häufiger als Frauen aggressiv zu sein scheinen. Männer drücken ihre Aggressivität nur augenfälliger und körperbetonter aus, während Frauen eher zu wütenden Blicken, Spott und Lästereien neigen.

Verschiedene Forschungsbefunde weisen darauf hin, dass für intergeschlechtliche Verhaltensunterschiede vor allem hormonelle Zusammenhänge verantwortlich sind. Zum Beispiel reagieren Frauen stärker auf Stress als Männer. Dies liegt an der geringeren Testosteronkonzentration im weiblichen Körper. Testosteron hemmt das Stresshormon Cortisol, weswegen Stress bei Männern schwerer durchkommt. Frauen geben auch häufiger an, ängstlich und besorgt zu sein als Männer. Ein höherer Cortisolspiegel macht vorsichtiger. Frauen lernen daher generell früh, mit anderen Personen vertrauensbildend zu kommunizieren.

Neben ihren verbalen Fähigkeiten zeigen Frauen in einigen Anforderungen Geschlechtervorteile:
Sie sind besser bei optischen Wahrnehmungen, bei denen es auf Geschwindigkeit und Detailtreue ankommt. Sie verfügen über eine flüssigere, einfallsreichere Sprache. Sie können besser exakt rechnen. Sie haben eine feinere Motorik der Hand. Sie sind empfindlicher für Berührungen und Gerüche. Sie bemerken schneller Veränderungen in der Anordnung von Objekten.

Frauen haben jedoch auch größere Schwierigkeiten, sich in räumlichen Dimensionen zurechtzufinden. Hier und im Folgenden sind Männer im Vorteil:
Männer sind bei mathemathischen Schlussfolgerungen überlegen. Sie können besser zielgerichtet werfen und auffangen. Sie zeigen bessere optische Leistungen bei Suchbildern, d.h. beim Auffinden versteckter geometrischer Figuren. Sie unterscheiden mehr Einzelheiten bei bewegten Objekten. Sie zeigen bessere Leistungen in mentaler Rotation.

Bei einigen Untersuchungen zeigte sich auch, dass neben den nachgewiesenen Unterschieden das weibliche Gehirn wie das der Männer „funktioniert” und Geschlechterunterschiede erst bei sehr speziellen Fertigkeiten sichtbar werden. Je komplexer die Aufgabe, umso geringer die nachgewiesenen Geschlechterunterschiede. Vielmehr ist die Spannbereite der Leistungen innerhalb der Geschlechter größer als der mittlere Geschlechterunterschied.

Umfangreiche Metaanalysen zeigen:
Zwischen der Psyche von Männern und Frauen gibt es deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen.

 

Das Gehirn – eine lebenslange Baustelle
Welche (Führungs-)fähigkeiten Menschen im Laufe ihres Lebens entwickeln und ausbauen, hängt weniger vom Geschlecht als von den Erfahrungen ab, denn unser Gehirn gestaltet sich so, wie es benutzt wird. Das menschliche Gehirn ist sehr anpassungsfähig und reagiert zeitlebens auf die inneren und äußeren Signale des menschlichen Organismus. Es passt sich an wiederholten Gebrauch an und legt Verschaltungen zwischen Nervenzellen entsprechend neu an und verstärkt diese. Deshalb nimmt das Volumen des Hippocampus bei Taxifahrern in Großstädten zu, die sich im Laufe ihrer Ausbildung das gesamte Straßennetz einprägen müssen. Bei Pianisten verändern sich motorischer und auditorischer Kortex.

Ganz besonders ausschlaggebend für die Gestaltung von Hirnstrukturen ist nicht allein die Situationswahrnehmung, sondern die eigene Inspiration. Macht mir etwas Freude und interessiert mich, werde ich mich damit häufiger und intensiver auseinandersetzen und mehr und mehr ausprobieren. Dadurch verstärken sich Hirnstrukturen. Für männliche wie weibliche Führungspersonen bedeutet das, dass sie insbesondere diejenigen Führungstätigkeiten, die sie persönlich gerne tun, mehr und mehr zu Stärken ausbauen. Und ganz grundlegend sollten Führungspersonen ihren Job und Menschen mögen – sonst wird das Führen schwierig.
 

Frauen und Männer in Führungsaufgaben
Die eine geborene Führungsperson gibt es nicht. Wenn die Forschung überhaupt generell günstige Führungseigenschaften beschreibt, dann sind das höhere Intelligenz, höheres Dominanzstreben, Sensitivität und Anpassungsfähigkeit. Energie, Durchsetzungsfähigkeit, Dynamik, Risikobereitschaft, Selbststeuerung und Entscheidungsfähigkeit schaden ebenfalls nicht. Alle diese Dispositionen werden in stereotyper Weise dem männlichen Geschlecht zugeschrieben.

Frauen sind in den Führungspositionen des oberen Managements noch immer die Ausnahme von der Regel. Damit sind diese Führungspositionen klar männerdominiert. Männerdomänen zeigen sich angeblich durch höhere Risikobereitschaft, aggressiveres Vorgehen, höhere Ergebnisorientiertheit, besseres Selbstbewusstsein und spürbare Härte. Die aktuelle Forschung zeigt jedoch, dass sich die Risikofreude, Optimismus, schnelle Entscheidungsfähigkeit, Offenheit für Neues und niedriges Angstgefühl zwischen männlichen und weiblichen Führungspersonen nicht signifikant unterscheiden. Vielmehr zeigt eine aktuelle Studie der Universität Hohenheim, dass Frauen in Führungspositionen nicht sozialverträglicher sind als männliche Chefs. Zum Teil verhalten sie sich sogar unverträglicher*1 als ihre männlichen Kollegen. Der weibliche Geschlechterstereotyp „empathisch, einfühlsam, kompromissfähig“ konnte bei den untersuchten weiblichen Führungskräften nicht bestätigt werden. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen waren in dieser Studie recht gering – mit einer Ausnahme: In der Persönlichkeitsdimension Offenheit für Erfahrungen (Phantasie, Kreativität und Offenheit für Neues) lagen Führungsfrauen klar vor Führungsmännern.

Frauen haben es dabei nicht leicht. Je führungsbewusster sie sich verhalten, umso unsympathischer werden sie durch andere Personen wahrgenommen. In einem Experiment an der Harvard Business School wurde Studierenden der Lebenslauf einer Unternehmerin namens Heidi vorgelegt. Ihrem erfolgreichen Aufstieg zur Risikokapitalanlegerin habe sie der Aufgabenstellung nach ihrer „selbstbewussten, offenen Persönlichkeit“ zu verdanken. Einer anderen Untersuchungsgruppe legte man dieselbe Personenbeschreibung vor mit einem Unterschied: Aus Heidi wurde ein männlicher Risikokapitalanleger namens Howard. Im Ergebnis bewerteten beide Gruppen Heidi und Howard als sehr kompetent. Unterschiede bestanden in der Sympathiewahrnehmung: Howard wurde als sympathisch und Heidi als egoistisch beschrieben – eine Person mit der man nicht zusammenarbeiten wolle. Dies zeigt, wie machtbewusste Frauen ihrem Geschlechterstereotyp (nett, warm, harmonisch) und den damit an sie gestellten Rollenerwartungen widersprechen.

Die Forschung zeigt jedoch auch, dass Frauen generell weniger motiviert sind, Führungsverantwortung zu übernehmen. Dies wird auch damit erklärt, dass Frauen noch zu wenige Rollenvorbilder haben, die ihnen zeigen, dass und wie man als Frau durchaus in Spitzenpositionen kommen kann. Hier könnten Mentorinnensysteme helfen, die Frauen mit Führungsbegeisterung und -potential den Weg aufzeigen und sie dabei begleiten, um in Führung erfolgreich zu sein.
 

Gute Führungseigenschaften sind zwar ungleich verteilt – aber das gilt für beide Geschlechter. Wie verschiedene aktuelle Studien zeigen, führen Frauen und Männer im Großen und Ganzen ähnlich. Denn wirksame Führung beinhaltet immer Durchsetzungsstärke, Risikobereitschaft und Entschiedenheit.
 

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*1 Verträglichkeit ist eine Dimension, die beschreibt, wie kooperativ versus kompetitiv eine Person ist. Hohe Verträglichkeit beschreibt eine Person, die eher geneigt ist, Kompromisse einzugehen, einvernehmliche Lösungen zu finden und nicht auf Konflikte ausgerichtet ist.

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