Neulich morgen habe ich mich furchtbar über den hinterlassenen Müll im Englischen Garten geärgert. Wenn ich mich richtig ärgere, dann hört und sieht man das. Meine Stimmfarbe, Sprechart und meine Wortwahl sind dann gefärbt von meinem Ärger.

Das ist völlig normal und hat für uns Menschen ganz wichtige Funktionen. Ärger ist eine überlebenswichtige Emotion. Sie weist uns darauf hin, dass wir uns in unseren Rechten oder die Rechte anderer Personen verletzt sehen. Somit enthält Ärger auch stets einen Vorwurf.

Ärger ist die Basis dafür, Entscheidungen zu treffen, wie ich mit einer Situation zukünftig umgehen will. So gesehen hat Ärger auch gesellschaftlich eine wichtige Funktion: Er macht Missempfindungen und Normverletzungen im sozialen Kontext deutlich und zwingt uns dazu, Ärger auszudrücken, um passende Normen auszuhandeln.

Leider übersehen wir dies im Ärger. Wir sind ein Stück „im Ärger gefangen“.
 

Ärger und Verhalten

Als Psychologin weiß ich, dass ich in so einer Verfassung kaum eine Verbesserung der Situation erreichen kann. Denn wenn ich auf andere Menschen einwirke, um ein Ziel zu erreichen, muss ich verstanden werden (können) und erreichen, dass die andere Person mit mir ein gemeinsames Ziel verfolgt. Klingt abstrakt. Ist aber so.

Ärger ist auch eine stressgeladene Emotion. Wir verspüren auf einmal Riesenkräfte (z.B. durch den Neurotransmitter Adrenalin) und das ist wichtig, wenn wir uns gegen jemanden behaupten müssen. Stress sorgt dafür, dass wir nicht tiefgreifend über die Situation nachdenken, sondern erst einmal eingeengt auf das Problem sind und direkt agieren wollen. Das kennst Du vielleicht.

Intensiver Ärger kann mit körperlichen Empfindungen (z.B. Magenschmerzen, Blutandrang im Kopf, Muskelanspannungen), mimischem Ausdruck (z. B. Zusammenziehen der Augenbrauen, «Zähnefletschen») und Verhaltensweisen (z. B. Anschreien, Aggressionen) einhergehen 1.

Solange ich voll ärgerlich bin, bin ich im Fightmodus. Ich habe überhaupt nicht das Ziel, andere ins Boot zu holen, sondern will mich durchsetzen und das erzeugt bei den allermeisten Menschen nur eines: Widerstand.

➪ Wie ist das bei Dir?

Blöd ist, dass wir - wenn wir uns gerade ärgern - nur unsere Position sehen. Sie erscheint uns als ultimativ richtig und wahr und verdient es, durchgesetzt zu werden.
 

Die Aufschaukelung von Ärger

Hinzu kommt, dass wir uns in Ärger gut hineinsteigern können. Das ist leider überhaupt nicht gut für Deinen Organismus, denn er hält dafür eine ungesunde Stressreaktion aufrecht - mit all ihren auf Dauer ungesunden Symptomen.

Und das Aufrechterhalten des Ärgers verschließt den Geist vor konstruktiven Lösungen. So schaukelst Du Dich möglicherweise - auch wenn Du völlig im Recht bist - durch Dein Ärgerverhalten in ungesunde Verhaltensweisen und gefährdest Dich ➪ Burnout, Erschöpfung… .

Wenn wir uns richtig ärgern und voll drin sind, können wir uns auch gedanklich hineindrehen. Unsere Gedanken kreisen um das Ärgernis. Das übernimmt unser Gehirn sozusagen gratis für uns, denn es ist schon aus Energiespargründen gerne bereit, mit uns auf dieser Welle zu reiten und keine anderen Muster zu aktivieren. Du fühlst Dich für alles verantwortlich. Und so schaukelst Du Dich weiter hoch….

Solange wir richtig ärgerlich sind, gelingt es uns nicht so gut, in der Sache erfolgreich zu sein, sondern wir zwingen den Anderen durch unser Ärgerverhalten geradezu in seine Gegnerrolle. Das ärgert uns noch mehr.

Irgendwann sind Gedanken, Emotionen und Körpergefühl voll drin.

Problem:
So kommst Du zu keiner hilfreichen Lösung.

Was Dir helfen kann:
Fokussiere Dich erst einmal nicht auf eine Lösung, sondern auf Regeneration.

Mach es so:
Lass den Ärger einmal sprachlich raus. Sprich darüber oder schreib darüber, was Dich stört. Mach das aber nicht zur Endlosschleife und - solange Du so aufgeladen bist - auch nicht gegenüber den Personen, die es betrifft. Es ist jedoch wichtig, dass Du Deinen Ärger formulieren kannst. Daher sprich mit Unbeteiligten oder schreibe es auf. Damit wirst Du es einmal los und das entlastet unwahrscheinlich. Das merke ich bei mir selbst und in jeder Mediation, die ich durchführe. Ärger will raus. Vorher gibt es keine Entspannung.

Und:
Entspanne Dich. Bring Deinen Körper aus dem Stressmodus in einen entspannten Modus, z.B. durch Bewegung. Bewegung baut Stress ab. Das hilft Dir in dieser Situation.

Dann:
Formuliere „Das positive JA" zu Deinem Ärger.

Also:
Wenn Du Dich über etwas ärgerst: Was ist Dein positiver Zielzustand?

Und dann überlege, was Du tun kannst und ob Du das tun willst.

Zum Beispiel:
Ich ärgere mich darüber, dass mich meine Kundenberaterin mit meinem Termin versetzt hat. (Tatsächlich :-)!) Mich weiter darüber zu ärgern, bringt mich in dieser Situation nicht weiter.

Mein positiver Zielzustand ist:

Ich möchte bis zum … eine Versicherung abgeschlossen haben.

Was kann ich dafür tun?

Ich kann die Kundenbetreuerin anschreiben. (Habe ich getan.)
Ich kann die Versicherung anschreiben. (Habe ich auch getan.)
Ich kann eine weitere Kundenbetreuerin akquirieren (ist eine Option).
Ich kann der Kundenbetreuerin eine schlechte Bewertung hinterlassen (Ist keine Option bezogen auf meinen Zielzustand.)

Überlege Dir Deine Handlungsoptionen und dann bewerte sie danach:
1. Was bringt mich meinem Zielzustand näher?
2. Gibt es eine sinnvolle Reihenfolge?
3. Was ist ein Handlungsimpuls, in der Sache aber überhaupt nicht hilfreich, sondern respektlos gegenüber anderen Menschen.

Somit hältst Du es mit einer der Lebensweisheiten der Shaolin-Mönche:
Du konzentrierst Dich auf das Wesentliche und respektierst Deine Mitmenschen - auch mögliche Gegner.

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1 Quelle: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/aerger

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